Hintergrund
Resilienzforschung
Woran sich Resilienz erkennen lässt
Das Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz beschreibt Resilienz als Aufrechterhaltung oder rasche Wiederherstellung psychischer Gesundheit während oder nach stressvollen Lebensereignissen oder Lebensumständen. Dazu gehören immer zwei Dinge. Es gibt eine Belastung, und eine Person bleibt trotzdem psychisch gesund oder wird es schnell wieder.
Ohne Belastung lässt sich über Resilienz deshalb nichts sagen. Wer ein ruhiges Jahr hatte und sich gut fühlt, ist zufrieden. Ob er auch resilient ist, zeigt erst die nächste schwere Zeit.
Resilienz zeigt sich erst hinterher
In den Anfängen der Forschung war von unverwundbaren Kindern die Rede, als hätten manche Menschen eine besondere Widerstandskraft mitbekommen. Davon ist die Forschung abgerückt. Das Mainzer Institut beschreibt Resilienz heute als das Ergebnis von Anpassungsprozessen, in denen eine Person im Austausch mit ihrer Umwelt lernt, mit Belastungen umzugehen.
Dieselbe Person kann eine Trennung gut überstehen und ein halbes Jahr später an einem Jobverlust zerbrechen. Das hängt davon ab, was gerade zusammenkommt, wie viel Rückhalt da ist und wie viel Energie schon verbraucht wurde.
Welche Belastungen gemeint sind
Die Forschung unterscheidet grob fünf Arten von Belastung. Alltagsbelastungen sind die vielen kleinen Ärgernisse, die sich über Wochen summieren. Dauerbelastungen sind Zustände, die bleiben, etwa ein zerstrittenes Team oder die Pflege eines Angehörigen. Kritische Lebensereignisse sind Einschnitte wie Kündigung, Trennung oder eine schwere Diagnose. Traumata sind Erlebnisse, die das Leben bedrohen oder so wirken. Kollektive Krisen wie eine Pandemie treffen viele Menschen gleichzeitig.
Lange hat sich die Forschung vor allem mit den großen Einschnitten beschäftigt. Inzwischen werden auch alltägliche Belastungen erfasst, weil sie sich über die Zeit ebenfalls auf die psychische Gesundheit auswirken. In der Resilienz AG arbeiten wir mit Belastungen aus dem Alltag. Für Traumata und akute Krisen braucht es professionelle Hilfe.
Faktoren und Mechanismen
Was Resilienz wahrscheinlicher macht, heißt in der Forschung Schutzfaktor. Das kann etwas in der Person sein, etwa Selbstwirksamkeit oder ein optimistischer Denkstil, oder etwas in ihrem Umfeld, etwa Menschen, die zu ihr halten. Manche Forschende sprechen auch von Resilienzfaktoren und meinen damit dasselbe.
Das Mainzer Institut unterscheidet davon die Resilienzmechanismen. Gemeint ist, was im Moment der Belastung tatsächlich passiert. Wer mit einem optimistischen Denkstil in eine Krise geht, bewertet die Lage eher so, dass er nicht überreagiert und handlungsfähig bleibt. Der Denkstil ist der Faktor, die ruhigere Bewertung ist der Mechanismus.
Gestärkt aus der Krise?
Viele Anbieter versprechen, dass Menschen gestärkt aus Krisen hervorgehen. In der Definition der Forschung steht das nicht. Wer nach einer schweren Zeit wieder da ist, wo er vorher war, ist resilient.
Beobachtet wird allerdings, dass sich Menschen nach einer bewältigten Krise häufig dauerhaft in ihrem Umgang mit Widrigkeiten verändern. Das ist möglich und kommt vor. Eine Voraussetzung für Resilienz ist es nicht.
Was Trainings leisten können
Trainieren lassen sich einzelne Schutzfaktoren, vor allem die, die in der Person liegen. Ob jemand dadurch resilienter wird, zeigt sich erst bei der nächsten Belastung, und genau das ist schwer zu messen.
Eine Mainzer Forschungsgruppe hat 43 Studien zu Resilienztrainings aus den Jahren 1979 bis 2014 ausgewertet. Ihr Befund war, dass die meisten Studien gar nicht erfassen, wie belastet die Teilnehmenden waren, und deshalb wenig über Resilienz aussagen (Chmitorz und andere, 2018). Eine Übersichtsarbeit zu Trainings für Beschäftigte im Gesundheitswesen fand positive Effekte, bewertet die Beweislage aber als sehr unsicher (Kunzler und andere, 2020).
Nach Einschätzung des Mainzer Instituts profitieren vor allem Menschen, deren Schutzfaktoren gering ausgeprägt sind oder die zusätzliche Risiken tragen. Wer schon gut aufgestellt ist, gewinnt weniger.
Resilienz und Stressbewältigung
Stressbewältigung ist das, was eine Person in einer belastenden Lage tut. Sie plant um, holt sich Unterstützung, beruhigt sich oder sieht die Sache neu. Resilienz beschreibt, wie es ihr über die Zeit damit geht.
Die Methoden überschneiden sich stark, und fast jedes Resilienztraining enthält Übungen zur Stressbewältigung. Dazu kommen in der Regel Themen, die in einem Stresskurs selten vorkommen, etwa die eigene Haltung, Sinn und der Rückhalt durch andere Menschen. In unseren vier Perspektiven steckt die Stressbewältigung vor allem in der Kompetenz.
Resilienz ist keine Privatsache
Auch das Mainzer Institut will darauf hinwirken, Lebens- und Arbeitsumfelder so zu verändern, dass Resilienz gestärkt wird. Wer in einem Umfeld arbeitet, das krank macht, hat kein Trainingsdefizit. Dort hilft es wenig, die Belastung besser auszuhalten, und es kann die Lage sogar verlängern. Die wichtigste Gegenstimme zu diesem Thema findet sich unter Zum Weiterlesen.